Hintergrund

Ein Baby, ein Ferienjob — und Jahrzehnte später der Asbestkrebs

Viele Asbest-Opfer haben nie in einer Fabrik gearbeitet. Zwei Geschichten darüber, wie wenig Asbest reicht, um Jahrzehnte später Krebs auszulösen.

Raeleen, 36, drei Kinder

Raeleen Minchuk war ein Jahr alt, ein Baby, als ihr Vater 1979 das Haus ihrer Großeltern renovierte. Sie krabbelte über den Boden des alten Hauses und atmete den Staub ein, den die Arbeiten aufwirbelten. Niemand ahnte etwas. Sie wuchs auf, wurde Mutter von drei Kindern.

Mit 36 kamen die Bauchschmerzen. Erst dachten die Ärzte an eine geplatzte Eierstockzyste, dann an Eierstockkrebs. Im Oktober 2014 stand die Wahrheit fest: ein Mesotheliom des Bauchfells. „Er sah mich an und sagte, ich habe ein peritoneales Mesotheliom — und ich schnappte nach Luft, denn das ist Asbestkrebs, und ich werde sterben“, erzählte sie später. Man legte ihr nahe, mit drei Kindern nach Hause zu gehen und ihre Angelegenheiten zu ordnen.

Sie gab nicht auf. In einer über zehnstündigen Operation entfernten Chirurgen, was sie konnten — Organe, Meter um Meter Darm. Raeleen überlebte, gegen die Prognose. Heute warnt sie andere Menschen davor, alte Häuser ahnungslos zu renovieren: „Ich versuche immer, den Leuten klarzumachen: Es ist real, es kann passieren.“ Ihr gesamter Asbest-Kontakt im Leben: Renovierungsstaub, als sie ein Baby war.

Chuck und Melva

Chuck Gast war Grundschullehrer. 1973, in den Sommerferien, nahm er für rund sechs Wochen einen Aushilfsjob in einer Fabrik an. Die Isolierung der Öfen dort bestand aus Asbest; er hatte den Staub überall an sich. Abends brachte er ihn in der Arbeitskleidung mit nach Hause. Seine Frau Melva wusch die Sachen.

Rund vierzig Jahre später erkrankten beide an einem Mesotheliom — er durch die sechs Wochen an der Anlage, sie, weil sie seine asbestverstaubte Arbeitskleidung wusch. Ein Ferienjob, den Chuck längst vergessen hatte, holte am Ende zwei Menschen ein.

Warum so wenig reicht

Diese Geschichten sind keine Ausnahmen. Man muss den Asbest nicht selbst verarbeiten — es genügt, im Raum zu sein, während er aufwirbelt: ein Baby auf dem Boden, eine Frau an der Waschmaschine. Die US-Arbeitsschutzbehörde OSHA sagt es in einem Satz: Schon eine Exposition von wenigen Tagen hat beim Menschen Krebs ausgelöst. Was Asbest in der Lunge und im Bauchfell anrichtet, lässt sich hier nachlesen.

Das Tückische: Am Tag der Exposition merkt niemand etwas. Man hustet nicht, man fühlt nichts. Der Krebs braucht oft Jahrzehnte, bis er ausbricht — und wenn er es tut, ist er unheilbar.

Und heute?

Wer in einer alten Wohnung den Boden herausreißt oder eine Wand aufstemmt, kann in wenigen Stunden dieselbe Art von Staub freisetzen, die Raeleen als Baby einatmete. Der einzige Unterschied: Man kann sich schützen — wenn man weiß, dass Asbest da ist. Genau deshalb ist die Warnung alles. In Berlin stehen Zehntausende Wohnungen aus der Asbest-Zeit; wer dort ahnungslos renoviert, ist genau in der Lage, in der einmal ein Baby auf einem Boden krabbelte. Was Betroffene und Mieter tun können, steht bei den Anlaufstellen für Betroffene — und was überhaupt als Asbest in Wohnungen steckt, erklärt Was ist Asbest?.

Quellen