Zahlen & Daten

Sechs melden. Eine schweigt.

Stand 31. Dezember 2024: Berlins landeseigene Wohnungsgesellschaften melden zusammen 29.153 Wohnungen mit Asbestbelastung. Das ist die Zahl der sechs, die antworten. Die sechste — die GESOBAU — verweigert seit Jahren jede Auskunft.

Die Quelle

Die Zahlen stammen aus der Drucksache 19/23 946 des Berliner Abgeordnetenhauses, Stichtag 31. Dezember 2024. Eine parlamentarische Anfrage, beantwortet durch den Berliner Senat. Öffentlich, abrufbar, amtlich. Was sie zeigen, ist kein Geheimnis — es ist dokumentiertes Behördenwissen.

Die Aufschlüsselung

Die degewo meldet 6.736 Wohnungen mit asbesthaltigem Bodenbelag oder anderen asbesthaltigen Materialien. Die degewo ist das am besten dokumentierte Unternehmen: parlamentarische Anfragen reichen bis ins Jahr 2000 zurück, PwC-Konzernberichte nannten Asbest ein „wesentliches Geschäftsrisiko". Die Geschichte dieser Zahl — 14.400 im Jahr 2000 (KA 14/219), 22.100 im Jahr 2015 (SA 17/16744), 15.978 unter Verdacht im Jahr 2019 (Drs. 18/21 259), 6.736 heute — ist die Geschichte einer Sanierung ohne systematische Mieterinformation. Mehr dazu im Beitrag über die 17.000 Wohnungen.

Die Gewobag meldet 7.758 Wohnungen — die höchste Zahl aller Berliner Wohnungsgesellschaften, die Auskunft erteilen. Spandau ist besonders betroffen: Ende 2022 forderte die Gewobag als erste Gesellschaft öffentlich eine Sanierungsoffensive vom Senat. Die Zahl ist seither ein fester Bestandteil der politischen Debatte.

Die Howoge meldet 6.678 Wohnungen. Die Howoge ist vor allem im Ostteil Berlins tätig — Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf. Asbest in Plattenbauten der DDR-Ära ist ein eigenständiges Problem mit anderen Materialien und anderen Sanierungslogiken als im Westen der Stadt.

Stadt und Land meldet 2.869 Wohnungen. Die WBM — Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte — meldet 2.334. Die berlinovo meldet 2.778. Zusammen kommen diese drei auf 7.981 Wohnungen. Sie sind in der öffentlichen Wahrnehmung die am wenigsten sichtbaren Akteure dieser Geschichte — obwohl ihre Zahlen, für sich genommen, in jeder anderen deutschen Stadt eine Schlagzeile wären.

Summiert man alle sechs: 29.153 Wohnungen. Mindestens.

Die siebte Gesellschaft

Die GESOBAU — Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau — verweigert jede Auskunft. Nicht „keine aktuellen Daten". Nicht „in Erfassung". Keine Angabe. Das ist eine aktive Entscheidung.

Das ist insofern bemerkenswert, als die GESOBAU nicht irgendein Akteur ist. Sie ist wie alle anderen eine landeseigene Gesellschaft — im Eigentum des Landes Berlin, kontrolliert durch den Berliner Senat. Die parlamentarische Anfrage, die zur Drucksache 19/23 946 führte, wurde an den Senat gerichtet. Der Senat beantwortet sie für fünf seiner sechs Gesellschaften. Für die sechste: keine Angabe.

Eine Zahl aus dem Jahr 2000 erlaubt eine grobe Einordnung: Die Kleine Anfrage 14/219 nannte damals 12.700 GESOBAU-Wohnungen mit asbesthaltigen Materialien. Ob diese Zahl seither gesunken ist — durch Sanierungen — oder gestiegen — durch genauere Erfassung — ist unbekannt. Der Senat weiß es. Oder er will es nicht wissen. Beides ist eine Aussage.

Was diese Zahlen gemeinsam haben

Alle sieben Gesellschaften — die sechs meldenden und die eine schweigenden — gehören dem Land Berlin. Der Berliner Senat ist gleichzeitig Eigentümer, Auftraggeber und politischer Kontrolleur. Senatsmitglieder sitzen in Aufsichtsräten. Staatssekretäre beantworten parlamentarische Anfragen über Unternehmen, die sie beaufsichtigen sollen.

Diese Struktur ist keine Zufälligkeit. Sie ist der institutionelle Rahmen, in dem die 29.153 Wohnungen existieren. Und in dem die Entscheidung, Mieter zu informieren oder nicht zu informieren, getroffen wurde — und wiederholt nicht getroffen wurde.

Was die Zahlen nicht sagen

29.153 ist die Zahl der Wohnungen, nicht der betroffenen Menschen. Bei durchschnittlich 1,8 Personen pro Haushalt entspricht das rechnerisch über 52.000 Menschen in landeseigenen Wohnungen mit bekannter Asbestbelastung — Stand heute, ohne GESOBAU, ohne privaten Bestand.

Die Zahlen sagen nicht, wie viele Mieter in diesen Wohnungen in den letzten 25 Jahren renoviert, gebohrt oder geschliffen haben, ohne zu wissen, was in Wänden und Böden steckt. Sie sagen nicht, wie viele beim Auszug Asbest-Bauschutt entsorgt haben — manche auf ausdrückliche Anweisung ihres Vermieters, wie im degewo-Fall dokumentiert.

Die 29.153 sind das, was gezählt und gemeldet wurde. Nicht das, was existiert.

Quellen