Zahlen & Daten

~58.847 landeseigene Wohnungen unter Asbestverdacht in Berlin

Eine neue Drucksache des Berliner Abgeordnetenhauses liefert erstmals bezirksgenaue Daten zur Asbestbelastung in den landeseigenen Wohnungsunternehmen. Die Gesamtzahl: mehr als doppelt so hoch wie bisher bekannt. Die Erklärung liegt nicht in neuen Funden — sondern in einer geänderten Gesetzeslage.

Was die Drucksache zeigt

Am 26. Februar 2026 stellte der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto eine Schriftliche Anfrage: „Wie entwickelt sich die Anzahl asbestbelasteter Wohnungen in den Bezirken?“ Die Antwort der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (Drs. 19/25 368, vom 13. März 2026) liefert erstmals bezirksgenaue Daten — und eine Gesamtzahl, die das bisherige Bild verändert.

Per 31. Dezember 2025 melden die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen und die berlinovo zusammen rund 43.758 Wohnungen mit Asbestbelastung oder Asbestverdacht. Rechnet man die GESOBAU-Schätzung von rund 15.089 Wohnungen hinzu, ergibt sich eine Gesamtzahl von geschätzten ~58.847 Wohnungen. Zum Vergleich: Die vorherige Drucksache 19/23 946 (Stand 31.12.2024) wies 29.153 Wohnungen aus — ohne GESOBAU, ohne Verdachtswohnungen der degewo.

Drei Kategorien, eine Zahl

Die ~58.847 ist keine einheitliche Zahl. Sie setzt sich aus drei Datenkategorien zusammen, deren Qualität stark variiert:

Bestätigt (Laboranalyse oder dokumentierte Belastung): degewo 6.916, berlinovo 2.610, Stadt und Land 2.789, WBM 2.266 — zusammen rund 14.581 Wohnungen. Das sind die härtesten Zahlen. (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 1; degewo-Berechnung: 23.883 minus 16.967 Verdachtswohnungen.)

Verdacht auf Unternehmensebene (wohnungsgenaue Listen, aber ohne Labornachweis): degewo 16.967, Gewobag 5.639, HOWOGE 6.571 — zusammen rund 29.177 Wohnungen. Die Unternehmen wissen, welche Wohnungen betroffen sein könnten, haben sie aber nicht beproben lassen. (Drs. 19/25 368, Fußnoten: „inkl. Verdachtswohnungen“ bzw. „Verdacht aufgrund Baualtersklassen“.)

Reine Hochrechnung (keine Wohnungslisten, keine Gutachten): Die GESOBAU, die bis 2024 jede Auskunft zu Asbest verweigerte, schätzt seit 2025 erstmals ~15.089 Wohnungen — 30,8% ihres Gesamtbestands von 48.748 Wohnungen, basierend ausschließlich auf Baualtersklassen. Im Jahr 2000 hatte sie in der Kleinen Anfrage 14/219 noch 12.700 Wohnungen mit asbesthaltigen Flex-Platten gemeldet — danach: über zwei Jahrzehnte Schweigen. (Drs. 19/25 368, Fußnote: „geschätzte Fälle aufgrund der Baualtersklassen“.)

Warum die Zahl gestiegen ist

Der größte Einzelfaktor ist die degewo. Sie meldet nun 23.883 Wohnungen — ein Jahr zuvor waren es 6.736 (Drs. 19/23 946). Der Sprung erklärt sich nicht durch neue Funde, sondern durch eine veränderte Meldepolitik.

Seit dem 1. Januar 2026 gilt die gesetzliche Asbestvermutung: Bei jedem Gebäude, das vor dem 31. Oktober 1993 errichtet wurde, muss von einer Asbestbelastung ausgegangen werden, solange keine qualifizierte Laboranalyse das Gegenteil beweist (§ 5a GefStoffV, BGBl. I 2025 Nr. 337). Die degewo hat diese Logik offenbar in ihre Meldung übernommen und erstmals 16.967 Verdachtswohnungen einbezogen. Bereinigt (23.883 minus 16.967 = 6.916) liegt die bestätigte Zahl nahe am Vorjahreswert.

Rechtlich ist die Unterscheidung zwischen „bestätigt“ und „Verdacht“ seit dem 1. Januar 2026 hinfällig: Verdacht ist Belastung, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist keine journalistische Einordnung — das ist die Gesetzeslage.

Die Aufschlüsselung nach Gesellschaften

berlinovo
2.610 −168
Vorjahr: 2.778
degewo
23.883 +17.147
Vorjahr: 6.736 — davon 16.967 Verdacht (neu gemeldet)
GESOBAU
~15.089 neu
Schätzung (30,8% von 48.748 Wohnungen)
Gewobag
5.639 −2.119
Vorjahr: 7.758 — inkl. negative Beprobungen
HOWOGE
6.571 −107
Vorjahr: 6.678 — inkl. Verdachtswohnungen
Stadt und Land
2.789 −80
Vorjahr: 2.869
WBM
2.266 −68
Vorjahr: 2.334
Summe
~58.847
Vorjahr: 29.153* — * ohne GESOBAU, ohne degewo-Verdacht

Wo in Berlin ist es am schlimmsten?

Die Drucksache liefert erstmals eine Aufschlüsselung nach Bezirken (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 2). Die Schwerpunkte:

Tempelhof-Schöneberg: 7.081 Wohnungen allein bei der degewo — der am stärksten betroffene Bezirk. Dazu kommen Gewobag (1.120) und HOWOGE (1.289). Reinickendorf: GESOBAU schätzt hier rund 4.970 Wohnungen, dazu Gewobag (443) und berlinovo (4). Mitte: degewo meldet 6.969 Wohnungen, Gewobag 828, WBM 1.799. Neukölln: degewo 5.000, Stadt und Land 1.054.

Das Muster: Bezirke mit großem Nachkriegs- und 70er-Jahre-Bestand sind am stärksten betroffen — dort, wo am meisten Flex-Platten, Asbestzementprodukte und asbesthaltige Kleber verbaut wurden.

Wie schnell wird saniert?

Im Jahr 2025 wurden insgesamt rund 3.706 Wohnungen als „saniert“ gemeldet (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 3). Ein Wort zur Einordnung: Bei der Gewobag ergibt sich die hohe Zahl von 2.119 laut der Drucksache „auch durch negative Beprobungsergebnisse bei Asbestverdacht“. Ein Teil dieser Wohnungen wurde also nicht saniert, sondern lediglich freigetestet.

Die tatsächlichen Sanierungszahlen der übrigen Gesellschaften: degewo 622, GESOBAU 282, HOWOGE 280, berlinovo 173, Stadt und Land 148, WBM 82. Bei einer Gesamtbelastung von ~58.847 Wohnungen und einer realen Sanierungsquote von einigen hundert pro Gesellschaft und Jahr wird die Dimension sichtbar: Die Sanierung des landeseigenen Bestands dauert noch Jahrzehnte.

Zwei Probleme, die neu aufgetaucht sind

WBM-Nachsanierung: Bei Ankaufsobjekten der WBM stellte sich nach durchgeführter Sanierung heraus, dass auch Putz- und Spachtelmassen asbestbelastet sind. Die vorherigen Sanierungen hatten sich nur auf Böden und Abdichtungen in Küchen und Bädern bezogen. Rund 10% der bereits sanierten 654 Wohnungen — ca. 65 Wohnungen — müssen nochmals saniert werden (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 5).

GESOBAU-Sanierung im bewohnten Zustand: Von den 282 sanierten Wohnungen der GESOBAU erfolgten 87 teilweise während laufender Mietverhältnisse. Die Mieter wurden laut Drucksache für die Dauer der Bauarbeiten in Ausweichwohnungen umgesetzt (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 6).

Was der Senat nicht weiß

Die letzte Frage der Drucksache zielt auf den privaten Bestand: „Welche Erkenntnisse hat der Senat bzgl. Zustand und Anzahl der Wohnungsbestände mit Asbestbelastung im Besitz privater Eigentümer?“ Die Antwort: „Dem Senat liegen keine Erkenntnisse vor.“ (Drs. 19/25 368, Antwort zu Frage 7.)

Berlin hat rund 2 Millionen Wohnungen, davon ein Großteil vor 1993 errichtet. Die ~58.847 betreffen nur die landeseigenen Unternehmen. Die tatsächliche Dimension der Asbestbelastung in Berlin bleibt unbekannt. Ein öffentliches Asbestregister, wie es Frankreich seit 2002 mit dem DTA-System betreibt, existiert in Deutschland nicht — obwohl Berlin 2023 eine Machbarkeitsstudie dafür erstellen ließ. Passiert ist seitdem: nichts.

Was die Zahlen nicht sagen

~58.847 ist die Zahl der Wohnungen, nicht der betroffenen Menschen. Bei durchschnittlich 1,8 Personen pro Haushalt entspricht das rechnerisch über 100.000 Menschen in landeseigenen Wohnungen mit Asbestbelastung oder -verdacht — ohne privaten Bestand.

Die Zahlen sagen nicht, wie viele Mieter in diesen Wohnungen in den letzten 25 Jahren renoviert, gebohrt oder geschliffen haben, ohne zu wissen, was in Wänden und Böden steckt — manche mit schriftlicher Genehmigung ihres Vermieters, der die Belastung kannte, wie in den dokumentierten Fallbeispielen belegt.

Die ~58.847 sind das, was gezählt, geschätzt und gemeldet wurde. Nicht das, was existiert.

Quellen