Was passiert ist
Anfang 2025 begannen die Abrissarbeiten am Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion im Prenzlauer Berg — dem ehemaligen DDR-Leichtathletikstadion. Das Gelände soll einem neuen inklusiven Sportstadion weichen, Gesamtkosten: rund 250 Millionen Euro, Grundsteinlegung für 2026 geplant. Beim Rückbau der Osttribüne stießen die Arbeiter auf schwach gebundenen Asbest im Bauschutt — eine besonders gefährliche Asbestart, deren Fasern sich leicht lösen und eingeatmet werden können.
Das Bezirksamt Pankow teilte zunächst mit, es bestehe keine Gefahr für die Öffentlichkeit. Eine Einschätzung, die die Bürgerinitiative Jahnsportpark mit Nachdruck bezweifelt: Fast zwei Monate lang seien die Abrissarbeiten ohne angemessene Staubschutzmaßnahmen durchgeführt worden. Staub habe sich über die angrenzenden Wohngebiete verteilt — in unmittelbarer Nähe des Mauerparks, eines der beliebtesten Naherholungsgebiete Berlins.
Die Strafanzeige
Die Bürgerinitiative Jahnsportpark hat Strafanzeige gegen die Senatsbauverwaltung gestellt. Die Vorwürfe: mangelnde Informationspolitik gegenüber den Anwohnern und fehlende Schutzmaßnahmen während der Abrissarbeiten. Der Senat reagierte mit dem Verweis auf „DDR-Baupfusch" — die Asbestbelastung sei ein Erbe unsachgemäßer Baupraxis in der DDR.
Das Argument ist technisch korrekt und strategisch vertraut: Es verlagert die Verantwortung in die Vergangenheit. Der Abriss hingegen findet in der Gegenwart statt. Und die Pflicht, bei Abbrucharbeiten auf Schadstoffe zu prüfen und Schutzmaßnahmen zu ergreifen, liegt bei den heutigen Verantwortlichen — nicht bei den DDR-Bauarbeitern der 1950er Jahre.
Das Muster
Wer die Chronologie des Berliner Asbest-Skandals kennt, erkennt das Muster sofort. Bei der degewo lief es genauso: Asbest wird gefunden, die Verantwortlichen beteuern, es bestehe keine Gefahr, die Betroffenen werden nicht oder erst verspätet informiert, und wenn sich Widerstand formiert, wird auf historische Umstände verwiesen.
Im degewo-Fall war es die Position: „Da bei bestimmungsgemäßem Umgang keine Gefährdung besteht, erfolgt keine Mieterinformation." Am Jahnsportpark war es die Aussage des Bezirksamts, es bestehe keine Gefahr für die Öffentlichkeit. Beide Aussagen teilen eine Prämisse: dass die Einschätzung der Behörde die Realität der Betroffenen ersetzt.
Das Strafverfahren gegen degewo-Verantwortliche endete 2021 mit einer Einstellung — die Staatsanwaltschaft sah „kein gegenwärtiges Anliegen der Allgemeinheit". Die Polizei hatte zuvor den „schlimmstmöglichen Fall" dokumentiert. Ob die Strafanzeige der Bürgerinitiative gegen den Senat ein ähnliches Schicksal erleidet, bleibt abzuwarten.
Der Kontext
Der Jahnsportpark-Skandal ist kein Einzelfall — und betrifft auch nicht nur Wohnungen. In Berlin werden derzeit zahlreiche Gebäude aus den „Asbest-Jahrzehnten" (1950–1989) abgerissen oder saniert. Die IG BAU schätzt, dass 37 Prozent aller Berliner Wohngebäude in diesem Zeitraum errichtet wurden — rund 121.600 Gebäude mit 874.600 Wohnungen. Die novellierte Gefahrstoffverordnung schreibt zwar neue Schutzmaßnahmen bei Abbrucharbeiten vor, aber eine Erkundungspflicht für Gebäudeeigentümer wurde politisch gestrichen.
Die Asbestentsorgung am angrenzenden Mauerpark hat mittlerweile begonnen. Die Abrissarbeiten am Stadion gehen weiter. Für die Anwohner bleibt die Frage, welche Belastung sie in den zwei Monaten ohne Staubschutz ausgesetzt waren — und ob sich jemand dafür verantworten muss. Die gesundheitlichen Folgen einer Asbestexposition zeigen sich oft erst nach 10 bis 40 Jahren.
Stand Februar 2026: Laut Schriftlicher Anfrage 19/24543 im Berliner Abgeordnetenhaus wurden insgesamt 2.018 Tonnen asbesthaltige Baumaterialien aus dem Jahnsportpark entsorgt. Das LAGetSi (Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit) überwacht die laufenden Arbeiten (Quelle: Drucksache 19/24543).
Stand April 2026: Der Abtransport dauert länger als ursprünglich geplant. Entgegen der Zielsetzung, die Entsorgung bis Februar 2026 abzuschließen, wird die vollständige Fertigstellung des Abtransports nun für das dritte Quartal 2026 erwartet. Die Entsorgung läuft seit Juli 2025 kontinuierlich; täglich werden Container mit asbesthaltigem Material abtransportiert. Trotz der Verzögerung soll der Grundstein für den Neubau des Großen Stadions nach aktueller Senatsplanung noch 2026 gelegt werden — die realistische Fertigstellung wird inzwischen mit 2029 angegeben statt wie ursprünglich 2028 (Quellen: entwicklungsstadt.de, April 2026; jahnsportpark-fuer-alle.berlin.de — Baumassnahmen).
Was Anwohner tun können
Wer in der Nähe von Abriss- oder Sanierungsbaustellen an Altbauten lebt, sollte auf ungewöhnliche Staubentwicklung achten. Bei Verdacht auf Asbestbelastung: Fenster schließen, die Bauaufsicht des Bezirksamts kontaktieren und den Vorfall dokumentieren (Datum, Uhrzeit, Fotos). Die Seite Sind Sie betroffen? erklärt die nächsten Schritte — auch für Anwohner von Baustellen.
Quellen
- entwicklungsstadt.de — Asbestfund im Jahnsportpark: Bürgerinitiative stellt Strafanzeige
- Berliner Kurier — Asbest-Skandal am Jahnstadion
- Tagesspiegel — Anwohner stellen Strafanzeige gegen Berliner Senat
- Drucksache 19/24543, Berliner Abgeordnetenhaus — Entsorgungsstand Jahnsportpark (2.018 Tonnen)
- entwicklungsstadt.de (April 2026) — Abtransport dauert bis Q3 2026
- jahnsportpark-fuer-alle.berlin.de — offizieller Stand Baumassnahmen