Hintergrund

Christoph Beck verlässt degewo — eine Bilanz

Am 30. April 2026 hat Christoph Beck sein Amt als degewo-Vorstand niedergelegt. Er trat es am 15. November 2005 an — als Frank Bielka noch Vorstandskollege war, als 62.800 Berliner Mietwohnungen mit asbesthaltigem Floor-Flex-Belag erfasst waren und kein einziger Mieter darüber Bescheid wusste. 20 Jahre später hinterlässt er 23.883 Wohnungen mit bestätigtem oder vermutetem Asbestverdacht im degewo-Bestand. Die Frage nach der Verantwortung ist dieselbe geblieben.

Was Beck antrat — und was er übernahm

Christoph Beck wurde am 15. November 2005 zum Vorstand der degewo AG berufen. Damit trat er in ein Unternehmen ein, dessen Führung bereits seit fünf Jahren wusste: Über 14.000 Wohnungen im Bestand hatten asbesthaltige Fußböden. Die Kleine Anfrage 14/219, beantwortet am 1. April 2000 und unterzeichnet von Frank Bielka, hatte diese Zahlen erstmals öffentlich dokumentiert — und zugleich entschieden: keine systematische Mieterinformation.

Beck übernahm diese Entscheidung. Er machte sie nicht rückgängig. Die Strategie blieb dieselbe: Sanierung nur bei Mieterwechsel, keine proaktive Aufklärung des Bestands. Als er 2005 seinen Posten antrat, war das Asbest-Problem in den degewo-Wohnungen kein Geheimnis innerhalb des Unternehmens — es war nur kein Thema außerhalb.

Beck und Bielka teilten sich ab 2005 den Vorstand, bis Bielka 2014 ausschied. Sie teilten sich nicht nur das Amt. 2011, mitten in Becks Amtszeit, veröffentlichten die beiden gemeinsam das Buch „Verantwortung für die Stadt: Beiträge für ein neues Miteinander". Der Titel klingt programmatisch. Zur selben Zeit wohnten in den eigenen Liegenschaften tausende Mieter auf Böden mit 500 Kilogramm asbesthaltigem Material pro Wohnung — ohne es zu wissen. Das Buch ist bei Amazon noch erhältlich. Keine flächendeckende Mieterinformation hatte stattgefunden — kein Hinweis beim Einzug, kein Aushang im Gebäude, kein Zustellnachweis für behauptete Schreiben, keine Aufklärung über Gesundheitsrisiken. Was es gab: schriftliche Renovierungsgenehmigungen für asbestbelastete Wohnungen.

Die Amtszeit im Asbest-Kontext

Es wäre ungenau zu sagen, dass sich unter Beck gar nichts geändert hat. 2012 gab die degewo eine Informationsbroschüre heraus, die auf mögliche Asbestbelastungen hinwies. 2013 verschickte das Unternehmen persönliche Schreiben an Mieter in betroffenen Wohnungen. Das klingt nach Fortschritt.

Ein dokumentierter Fall in Berlin-Mitte zeigt, was diese Ankündigungen wert waren: Die degewo erteilte einem Mieter eine schriftliche Renovierungsgenehmigung für eine Wohnung, deren Asbestbelastung sie kannte. Das eigene Gutachten bestätigte anschließend: 99 Prozent Asbest im Kleber.

2019 beauftragte die degewo unter Becks Vorstandsverantwortung die Kanzlei EKSK — eine der renommiertesten Strafverteidigungskanzleien Deutschlands — gegen einen Mieter, der Prozesskostenhilfe beantragt hatte. Das Strafverfahren wurde 2021 eingestellt.

Im Januar 2020 berichtete ARD Kontraste über den Fall. Der degewo-Pressesprecher Lichtenthäler erklärte vor laufender Kamera, Mieter nicht über Asbest zu informieren sei „eine Frage der Balance" — und er finde es „ausreichend", ihnen nur zu sagen, den Fußboden in Ruhe zu lassen. Christoph Beck war zu diesem Zeitpunkt Vorstand. Der Faktencheck dieser Aussage ist Teil dieser Dokumentation.

Im Mai 2020 verlängerte der Aufsichtsrat Becks Vertrag um weitere fünf Jahre — bis Ende 2025. Laufende öffentliche Debatte, parlamentarische Anfragen, eine Strafanzeige: Der Aufsichtsrat sah keinen Grund, die Führung zu wechseln. Beck blieb bis April 2026, drei Monate über das vertraglich vereinbarte Ende hinaus.

Was bleibt: 23.883 Wohnungen

Laut Drucksache 19/25 368 (Stand 31.12.2025) hat die degewo noch 23.883 Wohnungen mit bestätigtem oder vermutetem Asbestverdacht im Bestand (inkl. Verdacht). Die neue Erfassungsmethodik bildet das Ausmaß genauer ab als frühere Zählungen. Allerdings wird bei Mieterwechseln saniert, nicht durch eine flächendeckende Aufklärungsstrategie.

Die Frage, die die Chronologie des Berliner Asbest-Skandals seit 1993 zieht, bleibt unbeantwortet: Wie viele Mieter haben in all diesen Jahren auf asbestbelasteten Böden gelebt — und gebohrt, gespachtelt, renoviert — ohne es zu wissen? Eine Antwort hat die degewo nie gegeben. Auch unter Christoph Beck nicht.

Das Buch, der Titel, die Realität: „Verantwortung für die Stadt: Beiträge für ein neues Miteinander" (Frank Bielka & Christoph Beck, 2011). Zur selben Zeit: über 14.000 degewo-Wohnungen mit Asbest-Floor-Flex-Belag, keine systematische Mieterinformation. Sanierungsstrategie: Warten auf Mieterwechsel.

Der Nachfolger

Der Aufsichtsrat der degewo hat Kai-Marten Maack zum Nachfolger bestellt. Die Ankündigung erfolgte im Dezember 2025; Maack tritt das Amt zum 1. Mai 2026 an (Quelle: degewo-Pressemitteilung vom Dezember 2025; Immobilien Zeitung, 19. Dezember 2025). Maack ist kein Externer: Er arbeitet seit dem Jahr 2000 in der degewo-Gruppe, war ab 2008 Geschäftsführer der gewobe, seit 2014 Teil der degewo AG und seit 2015 zuständig für Akquisition und Einkauf. Wie er mit dem offenen Sanierungsrückstand — 23.883 Wohnungen — umgehen wird, ist öffentlich nicht bekannt. Die Wohnungen sind sein Erbe.

Parallel dazu hat Pascal Atzert seit dem 15. November 2025 einen Sitz im degewo-Vorstand. Seine Position zur Asbestsanierung ist öffentlich nicht dokumentiert.

Ein strukturelles Problem — keine Personenfrage

Der Abgang von Christoph Beck ändert nichts an dem, was den Berliner Asbest-Skandal zu einem Systemversagen macht: Die Entscheidung, Mieter nicht zu informieren, wurde 2000 von Frank Bielka unterzeichnet, von Christoph Beck weitergeführt, und sie ist — nach aktuellem Rechtsstand — weiterhin nicht verboten. Die novellierte Gefahrstoffverordnung (Dezember 2025) hat keine Erkundungspflicht für Gebäudeeigentümer eingeführt. Wer nicht sucht, findet nichts. Wer nichts findet, muss nicht sanieren.

Beck ist nicht der Täter eines Verbrechens, das rechtskräftig verurteilt worden wäre. Er ist einer von mehreren Entscheidungsträgern, unter deren Verantwortung tausende Menschen in belasteten Wohnungen lebten — und das bis heute tun. Das Strafverfahren, das im Zusammenhang mit dem Skandal geführt wurde, ist eingestellt. Zivilrechtliche Ansprüche wurden vereinzelt durchgesetzt, aber nie systematisch.

Christoph Beck verlässt das Unternehmen. Das Problem bleibt.

Aktualisiert: 1. Mai 2026 — Amtsübergabe vollzogen: Christoph Beck hat degewo am 30. April 2026 verlassen, Kai-Marten Maack ist seit 1. Mai 2026 im Amt.

Quellen