Was Beck antrat — und was er übernahm
Christoph Beck wurde am 15. November 2005 zum Vorstand der degewo AG berufen. Damit trat er in ein Unternehmen ein, dessen Führung bereits seit fünf Jahren wusste: Über 14.000 Wohnungen im Bestand hatten asbesthaltige Fußböden. Die Kleine Anfrage 14/219, beantwortet am 1. April 2000 und unterzeichnet von Frank Bielka, hatte diese Zahlen erstmals öffentlich dokumentiert — und zugleich entschieden: keine systematische Mieterinformation.
Beck übernahm diese Entscheidung. Er machte sie nicht rückgängig. Die Strategie blieb dieselbe: Sanierung nur bei Mieterwechsel, keine proaktive Aufklärung des Bestands. Als er 2005 seinen Posten antrat, war das Asbest-Problem in den degewo-Wohnungen kein Geheimnis innerhalb des Unternehmens — es war nur kein Thema außerhalb.
Beck und Bielka teilten sich ab 2005 den Vorstand, bis Bielka 2014 ausschied. Sie teilten sich nicht nur das Amt. 2011, mitten in Becks Amtszeit, veröffentlichten die beiden gemeinsam das Buch „Verantwortung für die Stadt: Beiträge für ein neues Miteinander". Der Titel klingt programmatisch. Zur selben Zeit wohnten in den eigenen Liegenschaften tausende Mieter auf Böden mit 500 Kilogramm asbesthaltigem Material pro Wohnung — ohne es zu wissen. Das Buch ist bei Amazon noch erhältlich. Keine flächendeckende Mieterinformation hatte stattgefunden — kein Hinweis beim Einzug, kein Aushang im Gebäude, kein Zustellnachweis für behauptete Schreiben, keine Aufklärung über Gesundheitsrisiken. Was es gab: schriftliche Renovierungsgenehmigungen für asbestbelastete Wohnungen.
Die Amtszeit im Asbest-Kontext
Es wäre ungenau zu sagen, dass sich unter Beck gar nichts geändert hat. 2012 gab die degewo eine Informationsbroschüre heraus, die auf mögliche Asbestbelastungen hinwies. 2013 verschickte das Unternehmen persönliche Schreiben an Mieter in betroffenen Wohnungen. Das klingt nach Fortschritt.
Der dokumentierte Fall aus der Graunstraße 7 zeigt, was diese Ankündigungen wert waren: Ein Mieter zog 2012 in eine Wohnung ein — nach eigener Aussage ohne jede Information über Asbest. Er erhielt eine schriftliche Renovierungsgenehmigung der degewo für eine asbestbelastete Wohnung. Er fräste den Boden. Asbestfasern wurden freigesetzt. Der degewo-eigene Gutachter sagte später bei der Beprobung: „Das ist schon sehr fahrlässig."
2019 beauftragte die degewo unter Becks Vorstandsverantwortung für einen Rechtsstreit mit einem Mieter, der Prozesskostenhilfe beantragt hatte, die Kanzlei EKSK — eine der renommiertesten Strafverteidigungskanzleien Deutschlands. Es ging um eine genehmigte Renovierung in einer asbestbelasteten Wohnung. Das Missverhältnis zwischen Partei und juristischer Feuerkraft war offensichtlich. Das Strafverfahren gegen einen Hauswart der degewo wurde 2021 eingestellt — nicht gegen das Unternehmen.
Im Januar 2020 berichtete ARD Kontraste über den Fall. Der degewo-Pressesprecher Gohlisch erklärte vor laufender Kamera, Mieter nicht über Asbest zu informieren sei „eine Frage der Balance" — und er finde es „ausreichend", ihnen nur zu sagen, den Fußboden in Ruhe zu lassen. Christoph Beck war zu diesem Zeitpunkt Vorstand. Der Faktencheck dieser Aussage ist Teil dieser Dokumentation.
Im Mai 2020 verlängerte der Aufsichtsrat Becks Vertrag um weitere fünf Jahre — bis Ende 2025. Laufende öffentliche Debatte, parlamentarische Anfragen, eine Strafanzeige: Der Aufsichtsrat sah keinen Grund, die Führung zu wechseln. Beck blieb bis April 2026, drei Monate über das vertraglich vereinbarte Ende hinaus.
Was bleibt: 6.736 Wohnungen
Laut Drucksache 19/23 946 (Stand 31.12.2024) hat die degewo noch 6.736 Wohnungen mit bestätigtem oder vermutetem Asbestverdacht im Bestand. 2018 waren es nach eigenen Angaben noch 16.277. Die Zahl ist also gesunken — allerdings vor allem, weil bei Mieterwechseln saniert wurde, nicht durch eine flächendeckende Aufklärungsstrategie.
Die Frage, die die Chronologie des Berliner Asbest-Skandals seit 1993 zieht, bleibt unbeantwortet: Wie viele Mieter haben in all diesen Jahren auf asbestbelasteten Böden gelebt — und gebohrt, gespachtelt, renoviert — ohne es zu wissen? Eine Antwort hat die degewo nie gegeben. Auch unter Christoph Beck nicht.
Das Buch, der Titel, die Realität: „Verantwortung für die Stadt: Beiträge für ein neues Miteinander" (Frank Bielka & Christoph Beck, 2011). Zur selben Zeit: über 14.000 degewo-Wohnungen mit Asbest-Floor-Flex-Belag, keine systematische Mieterinformation. Sanierungsstrategie: Warten auf Mieterwechsel.
Der Nachfolger
Der Aufsichtsrat der degewo hat Kai-Marten Maack zum Nachfolger bestellt. Die Ankündigung erfolgte im Dezember 2025 (Quelle: Immobilien Zeitung). Wie Maack mit dem offenen Sanierungsrückstand — 6.736 Wohnungen — umgehen wird, ist öffentlich nicht bekannt. Die Wohnungen sind sein Erbe.
Parallel dazu hat Pascal Atzert seit dem 15. November 2025 einen Sitz im degewo-Vorstand. Seine Position zur Asbestsanierung ist öffentlich nicht dokumentiert.
Ein strukturelles Problem — keine Personenfrage
Der Abgang von Christoph Beck ändert nichts an dem, was den Berliner Asbest-Skandal zu einem Systemversagen macht: Die Entscheidung, Mieter nicht zu informieren, wurde 2000 von Frank Bielka unterzeichnet, von Christoph Beck weitergeführt, und sie ist — nach aktuellem Rechtsstand — weiterhin nicht verboten. Die novellierte Gefahrstoffverordnung (Dezember 2025) hat keine Erkundungspflicht für Gebäudeeigentümer eingeführt. Wer nicht sucht, findet nichts. Wer nichts findet, muss nicht sanieren.
Beck ist nicht der Täter eines Verbrechens, das rechtskräftig verurteilt worden wäre. Er ist einer von mehreren Entscheidungsträgern, unter deren Verantwortung tausende Menschen in belasteten Wohnungen lebten — und das bis heute tun. Das Strafverfahren, das im Zusammenhang mit dem Skandal geführt wurde, ist eingestellt. Zivilrechtliche Ansprüche wurden vereinzelt durchgesetzt, aber nie systematisch.
Christoph Beck verlässt das Unternehmen. Das Problem bleibt.
Quellen
- Immobilien Zeitung, 19. Dezember 2025: Wechsel im Vorstand von Degewo — Kai-Marten Maack ab Mai 2026
- degewo AG: Pressemitteilung Mai 2020 — Verlängerung der Vorstandsverträge Beck und Wehrmann bis Ende 2025
- Frank Bielka & Christoph Beck: Verantwortung für die Stadt: Beiträge für ein neues Miteinander, 2011 (ISBN 978-3-943132-16-8)
- Drucksache 19/23 946 — Schriftliche Anfrage, Stand 31.12.2024: 6.736 degewo-Wohnungen mit Asbestverdacht
- ARD Kontraste, 16. Januar 2020: Asbest — Wie Mieter alleingelassen werden
- Kleine Anfrage 14/219, 1. April 2000 — Unterzeichnet Frank Bielka: 62.800 Wohnungen, keine Mieterinformation
- Audioaufnahmen degewo-Gutachter, Graunstraße 7 (Originalquelle dieser Dokumentation)