Investigative Recherche

Gewusst.
Geschwiegen.
Dokumentiert.

Tausende Berliner Wohnungen enthalten Asbest. Die landeseigenen Vermieter wissen das — seit Jahrzehnten. Viele Mieter erfuhren es zu spät — oder gar nicht.

Aktuell
Ausgangspunkt – Graunstr. 7

Ein Mieter renoviert Badezimmer, Wände, Decke und Böden. Unter dem Laminat: Asbest.

Februar 2012. Die degewo genehmigt einem Neumieter die Renovierung einer Asbestwohnung. Schriftlich. Er reißt den Boden raus, fräst den Kleber vom Estrich — ohne zu wissen, dass er Asbest einatmet.

Die degewo hat das Wohnhaus selbst errichtet. Die Asbestbelastung war intern dokumentiert. Dem Mieter sagte man — nichts.

Der dokumentierte Fall →

Quelle — Renovierungsgenehmigung v. 04.02.2012; LG Berlin 66 S 212/18

Dies ist kein Einzelfall.

degewo: 23.883 Wohnungen (inkl. Verdacht). Gewobag: 5.639. Howoge: 6.571. GESOBAU: ~15.089 (Schätzung). Bei den landeseigenen Gesellschaften insgesamt: geschätzt ~58.847. Stand 31.12.2025, Drs. 19/25 368. Aufschlüsselung nach Gesellschaften →

Die Position der Degewo

Keine Gefährdung. Keine Information.

„Da bei bestimmungsgemäßen Umgang mit dem Vermietereigentum keine Gefährdung besteht, erfolgt keine Mieterinformation."

Frank Bielka, Staatssekretär für Bauen — später Aufsichtsrat, dann Vorstand der degewo. Kleine Anfrage 14/219, Jahr 2000. Damals: 14.400 degewo-Wohnungen betroffen.

Übersetzt: Solange niemand renoviert, kein Risiko — also informiert man niemanden. Wer aber nicht weiß, dass Asbest verbaut ist, renoviert irgendwann. Die degewo genehmigt es sogar — schriftlich.

Wer Asbest in einer Wohnung kennt und trotzdem eine Renovierung genehmigt, hat nicht vergessen zu warnen. Er hat entschieden, es nicht zu tun.

Die vollständige Chronologie →

QuelleKleine Anfrage 14/219 (Berliner Abgeordnetenhaus, 2000); Drs. 19/23 946 (2025). Alle 38 parlamentarischen Anfragen →

Die Reaktion

Klärung gesucht. Die Antwort: eine Krisenkanzlei.

Eisenberg, König, Schork & Kempgens. Eine der teuersten Kanzleien Berlins — spezialisiert auf Strafrecht und Krisenberatung. Eingesetzt gegen einen einzelnen Mieter in einem Asbestfall. Bezahlt mit öffentlichem Geld.

Die Kanzlei schreibt
Der Mieter „spiele die Asbestkarte". Sein Anliegen sei ein taktisches Manöver.
Die Akten zeigen
Asbesthaltige Platten entfernt. Kleber vom Estrich gefräst. Ohne Schutz. Die degewo hat die Renovierung einer ihr bekannten Asbestwohnung selbst genehmigt.

Prozesskostenhilfe — abgelehnt (AG Wedding, Az. 14 C 250/19). Ein landeseigenes Unternehmen mit unbegrenztem Budget gegen einen Mieter ohne Rechtsbeistand. Bezahlt mit öffentlichem Geld.

Welche Urteile das Gericht dabei ignorierte →

Quelle — Schriftsätze EKSK; AG Wedding, Az. 14 C 250/19 (20.12.2019)

Die Strafverfolgung

Die Polizei ermittelt. Die Staatsanwaltschaft stellt ein.

Mai 2021. Strafanzeige wegen unerlaubtem Umgang mit gefährlichen Abfällen und fahrlässiger Körperverletzung. Das LKA 336 übernimmt — Berlins Spezialeinheit für Umweltkriminalität.

„Das ist eine Sauerei, was die degewo sich da erlaubt.“
KHK'in Tomalla, LKA 336 — Polizei
„Kein gegenwärtiges Anliegen der Allgemeinheit.“
Staatsanwältin Falkenstein — Staatsanwaltschaft Berlin

§ 326 StGB — unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen — ist ein Offizialdelikt. Das heißt: Die Staatsanwaltschaft muss ermitteln. Nicht darf. Muss. Bei tausenden asbestbelasteten Wohnungen eines Unternehmens, das dem Land Berlin gehört, stellt sie das Verfahren ein. Keine Anklage. Keine Auflagen. Kein einziger Beschuldigter wurde auch nur befragt.

Das vollständige Verfahren →

Quelle — StA Berlin, Az. 281 UJs 699/21; LKA 336, Vorgangs-Nr. 210701-0735-031401

Der Verursacher
saniert sich selbst.

2022 gründet die degewo eine eigene Tochterfirma: die degewo Technische Dienste GmbH (dTD). Ihr Auftrag: die Asbestsanierung der degewo-Wohnungen.

Das System

Geschädigt — und im Stich gelassen.

degewo

Der Vermieter

Wusste von der Belastung. Informierte die Mieter nicht. Genehmigte Renovierungen in asbestbelasteten Wohnungen.

Kanzlei EKSK

Die Krisenkanzlei

Nannte das Asbestproblem ein „taktisches Manöver" des Mieters. Bezahlt mit öffentlichem Geld.

Staatsanwaltschaft

Die Anklagebehörde

Stellte das Verfahren ein. Bei einem Offizialdelikt. Kein einziger Beschuldigter wurde befragt.

AG Wedding

Das Gericht

Verweigerte dem Mieter finanzielle Hilfe für den Prozess. Die degewo kämpfte mit unbegrenzten Mitteln.

Berliner Medien

Die Presse

Keine große Berliner Redaktion reagierte — trotz direkter Anfragen. Nur die Berliner Woche berichtete. Das ARD-Magazin Kontraste fand den Fall über eigene Recherche und berichtete im Januar 2020.

Frank Bielka (SPD)

An der Spitze

Erst Staatssekretär für Bauen, dann Aufsichtsrat, dann Vorstand der degewo. Über zwei Jahrzehnte im System.

Kein Einzelversagen. Ein geschlossenes System.

Was Betroffene tun können →

QuelleDas Netzwerk →

Zwei Maßstäbe

Wer geschützt wird — und wer nicht.

Palast der Republik, Berlin
5.000 Tonnen Spritzasbest. 1990 sofort geschlossen — niemand durfte mehr rein. 2006–2008 komplett abgerissen. Kosten: dreistellige Millionen.
degewo-Wohnungen, Berlin
23.883 Wohnungen mit Asbestbelastung oder -verdacht. Familien wohnen drin. Kinder schlafen drin. Seit Jahrzehnten. Jahrelang keine Information — und als sie kam, für viele zu spät.

Beide gehören dem Land Berlin. Im einen Fall: sofortige Schließung. Im anderen: keine lückenlose Information.

Investoren & Aktionäre
Im Konzernlagebericht 2017 nennt die degewo Asbest ein „wesentliches Geschäftsrisiko". Im Börsenprospekt 2011 informiert die Deutsche Wohnen Investoren über Mietminderungsrechte bei Asbest.
Mieter
Kein Hinweis im Mietvertrag. Kein Hinweis bei der Wohnungsübergabe. Keine lückenlose Mieterinformation. Wer vor 2013 einzog und renovierte, hatte Pech.

Das ist kein Versehen. Asbest kostet den Vermieter Geld — Mietminderung, Sanierungskosten. Genau deshalb steht es im Prospekt für Investoren. Genau deshalb erfahren es die Mieter nicht.

Was Wirtschaftsprüfer wissen — und was Mieter nicht erfahren. Zur Analyse →

Welche Argumente die degewo verwendet und wie sie einzuordnen sind: Faktencheck →

Quellen — degewo Konzernlagebericht 2017 (PwC); Deutsche Wohnen Börsenprospekt 2011, S. 170–171; Kleine Anfrage 14/219 (2000)

Investigative
Recherche.

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