Welche Asbest-Gutachten gibt es?
Wer in einer Mietwohnung Asbest vermutet oder bereits einen Befund hat, stößt auf vier gängige Gutachtenformen, die sich in Methodik, Preis und Beweiskraft unterscheiden. Jede beantwortet eine andere Frage.
- Materialprobe (Polarisations- oder Elektronenmikroskopie): Eine Probe des konkreten Bauteils wird im Labor analysiert. Das Verfahren beantwortet: Enthält dieses Stück Boden, Kleber oder Spachtelmasse Asbest? Die Probenahme sollte durch eine nach TRGS 519, der Technischen Regel für Asbestarbeiten, sachkundige Person erfolgen, weil unsachgemäßes Vorgehen Fasern freisetzen kann.
- Raumluftmessung nach VDI 3492: Ein Pumpsystem zieht Luft durch einen Filter; der Filter wird im Labor analysiert. Das Verfahren beantwortet: Sind aktuell Fasern in der Raumluft? Ein negativer Befund bedeutet nicht, dass kein Asbest verbaut ist.
- Bauteilprobe vor Ort mit Sachverständigen-Begutachtung: Ein nach TRGS 519 sachkundiger Sachverständiger nimmt mehrere Proben in der Wohnung, dokumentiert Fundstellen, schreibt einen Bericht.
- Gerichtsgutachten: Vom Gericht beauftragter Sachverständiger im laufenden Verfahren. An das Ergebnis ist das Gericht nicht gebunden: Es würdigt das Gutachten frei und muss seine Gründe im Urteil angeben (§ 286 ZPO); es kann ein neues Gutachten anordnen, wenn es das erste für ungenügend hält (§ 412 ZPO). Ein privat beauftragtes Gutachten ist im Prozess dagegen Parteivortrag: Als Sachverständigengutachten darf das Gericht es nur verwerten, wenn beide Parteien zustimmen (BGH, Urteil vom 31.10.2001, Az. XII ZR 159/99).
Was kostet ein Asbest-Gutachten?
Die Preise schwanken nach Region, Umfang und Sachverständigem. Zur Orientierung dienen Erfahrungswerte aus öffentlichen Preisangaben gewerblicher Anbieter (keine Berliner Preiserhebung, abgerufen September 2026):
- Materialprobe im Labor: rund 50 bis 150 Euro pro Probe (reine Laboranalyse, ohne Probenahme vor Ort).
- Raumluftmessung VDI 3492: rund 300 bis 800 Euro pro Raum, inklusive Messung, Laboranalyse und Bericht; eine Freimessung nach einer Sanierung kostet mehr.
- Bauteilprobe + Sachverständigen-Bericht vor Ort: rund 300 bis 800 Euro, abhängig von der Probenanzahl.
- Gerichtsgutachten: kein Festpreis. Das Honorar richtet sich nach dem Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG), das Stundensätze vorgibt: seit Juni 2025 zum Beispiel je Stunde 114 Euro für Schadensfeststellung am Bau, 104 Euro für Emissionen und Immissionen, 125 Euro für Mieten und Pachten. Welches Sachgebiet gilt, legt das Gericht fest. Die Summe hängt von den Stunden ab, die das Gericht vergütet; dazu kommen Auslagen und Umsatzsteuer (§ 12 JVEG).
Bei ein bis drei Materialproben kostet die reine Laboranalyse zusammen rund 50 bis 450 Euro, ohne Probenahme vor Ort.
Wer zahlt das Gutachten?
Ein privat beauftragtes Gutachten zahlt zunächst, wer es bestellt.
Wenn der Mieter das Gutachten beauftragt und es einen Mangel belegt, etwa beschädigtes asbesthaltiges Material, kann er die Kosten als Schadensersatz verlangen (§ 536a Abs. 1 BGB). Für den Schadensersatz genügt eine von drei Voraussetzungen: Der Mangel bestand schon bei Vertragsschluss, der Vermieter hat ihn zu vertreten, oder der Vermieter ist mit der Beseitigung in Verzug. Ohne Mangel scheidet dieser Schadensersatz aus: Unbeschädigte Asbestplatten sind nach dem Landgericht Berlin kein Mangel, solange ein Austritt von Asbestfasern weder vorliegt noch zu befürchten ist (Az. 66 S 212/18). Ein selbst beauftragtes Gutachten lässt sich dann nicht über § 536a BGB ersetzen. Das Amtsgericht Eutin sprach einer Mieterin, deren Vermieter einen Mangel zu vertreten hatte, unter anderem die Kosten für ein Gutachten (650 Euro) und für Materialproben (170 Euro) zu (Az. 27 C 593/15). Die Quittung für das eigene Gutachten aufheben, mit einer Mängelanzeige verschicken und die Kosten in einer Schadenersatzklage geltend machen.
Wenn der Vermieter das Gutachten beauftragt — etwa weil er auf die Mängelanzeige reagiert —, trägt er die Kosten selbst. Eine Umlage auf die Miete nach § 559 BGB scheidet im Kern aus, weil die Beseitigung eines Mangels Instandhaltung ist und nicht regelhaft als Modernisierung gilt.
Im Gerichtsverfahren bestimmt das Gericht die Kostentragung mit dem Urteil: Die Kosten des Rechtsstreits trägt die unterliegende Partei (§ 91 ZPO). Vorher kann das Gericht das Gerichtsgutachten davon abhängig machen, dass die Partei, die den Beweis antritt, einen Vorschuss für die Auslagen innerhalb einer bestimmten Frist zahlt. Zahlt sie nicht fristgerecht, unterbleibt das Gutachten — es sei denn, sie zahlt so rechtzeitig nach, dass das Verfahren dadurch nicht verzögert wird (§§ 379, 402 ZPO). In einem Berliner Mietstreit, in dem Mieter einen Austritt von Asbestfasern behaupteten, betrug der Vorschuss 1.500 Euro; eine Zahlungsfrist von zwei Wochen hielt der BGH dort nach Lage des Falles für „unverhältnismäßig kurz und deshalb unwirksam“ (BGH, Beschluss vom 10.05.2016, Az. VIII ZR 97/15). Gewinnt der Mieter einen Prozess um Mietminderung oder Schadensersatz vollständig, trägt der Vermieter die Gerichtskosten und die gesetzlichen Anwaltsgebühren beider Seiten (§ 91 ZPO). Zu den Gerichtskosten gehört auch die Vergütung des gerichtlichen Sachverständigen (§ 1 GKG, Kostenverzeichnis Nr. 9005). Ob die Kosten eines Gutachtens, das eine Partei vor dem Prozess selbst beauftragt hat, zu den Kosten des Rechtsstreits gehören, sagt § 91 ZPO nicht. Gewinnt und verliert jede Seite teilweise, werden die Kosten verhältnismäßig geteilt oder gegeneinander aufgehoben (§ 92 Abs. 1 ZPO).
Für den degewo-Bestand sind asbesthaltige Flex-Platten aktenkundig seit 2000: Nach der Senatsantwort vom 1. April 2000 waren sie in 14.400 degewo-Wohnungen eingebaut (KA 14/219). Zum 31.12.2025 nannte der Senat 23.883 degewo-Wohnungen mit Asbestbelastung oder Asbestverdacht, davon 16.967 mit Verdacht (Drs. 19/25 368).
Welches Gutachten brauche ich für eine Mietminderung?
Ob Sie mindern können, hängt am Zustand des asbesthaltigen Materials; einen Mangel müssen Sie nachweisen. Verbaute Asbestplatten sind nach dem Landgericht Berlin kein Mangel, solange sie unbeschädigt sind und ein Austritt von Asbestfasern weder vorliegt noch zu befürchten ist (Az. 66 S 212/18, unter Verweis auf Az. 18 S 140/16). Bei beschädigten Platten ist nach dem Urteil 66 S 212/18 dagegen grundsätzlich eine konkrete Gesundheitsgefährdung anzunehmen, und dann kommt es auf eine gemessene Asbestbelastung in der Raumluft nicht an.
Das Amtsgericht Eutin sah am 20.06.2018 in der Freisetzung von Asbestfasern im Keller einen Mangel, der das gemietete Haus einer Mieterin unbewohnbar machte (Az. 27 C 593/15). Es sprach ihr die Kosten ihrer Ersatzunterbringung zu; für die Zeit, in der das Haus unbewohnbar war, schuldete sie keine Miete.
Im dokumentierten Fall eines degewo-Mieters führte die von der degewo mandatierte Kanzlei 2019/2020 vor Gericht eine negative Raumluftmessung als Beweis an, die am 28. März 2019 in seiner leerstehenden Wohnung gemacht worden war; zuvor hatten Materialproben der degewo und des Mieters Asbest bestätigt (Raumluftmessung und Materialproben im degewo-Fall).
Für eine Mängelanzeige und die Mietminderung folgt aus dem Maßstab des Landgerichts Berlin (Az. 66 S 212/18): Die Materialprobe zeigt, ob Asbest verbaut ist, und die Laboranalyse ist preiswert; Fotos beschädigter Stellen zeigen den Zustand des Materials. Für den Nachweis des Mangels ist nach dem Landgericht Berlin keine Raumluftmessung nötig, wenn die Asbestplatten beschädigt sind.
Welche weiteren Schritte nach einem Gutachten anstehen, beschreibt die Schritt-für-Schritt-Anleitung für Betroffene; die rechtlichen Ansprüche im Detail erklärt die Seite „Ihre Rechte als Mieter“.
Wo finde ich Sachverständige für Asbest?
Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige listet das bundesweite IHK-Sachverständigenverzeichnis. Das einschlägige Sachgebiet heißt „Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden“. Für reine Laboranalysen sind akkreditierte Labore relevant; die Akkreditierung erfolgt durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) nach DIN EN ISO/IEC 17025.
Vor der Beauftragung sollten Sie prüfen, ob der Sachverständige nach TRGS 519 sachkundig für Probenahme ist. Wer in einer asbestbelasteten Wohnung selbst eine Probe nimmt, riskiert Faserfreisetzung.
Quellen
- Landgericht Berlin, Az. 66 S 212/18 — unbeschädigte Platten ohne zu befürchtenden Faseraustritt: kein Mangel; bei beschädigten Platten kommt es auf die Raumluftmessung nicht an (Urteil als PDF, ab Urteilsseite 2)
- Landgericht Berlin, Urteil v. 17.01.2018, Az. 18 S 140/16 — solange Bodenplatten und Kleber unbeschädigt waren, kein Mangel
- AG Eutin, Urteil vom 20.06.2018, Az. 27 C 593/15 — Unbewohnbarkeit nach Asbestfreisetzung im Keller; Ersatzunterbringungskosten, Gutachten- und Probenkosten als Schadensersatz nach § 536a BGB und Feststellung künftiger Schäden zugesprochen, keine Miete für den Belastungszeitraum
- BGH, Beschluss vom 10.05.2016, Az. VIII ZR 97/15 — Frist für den Auslagenvorschuss
- BGH, Urteil vom 31.10.2001, Az. XII ZR 159/99 — Privatgutachten ist urkundlich belegter Parteivortrag; Verwertung als Sachverständigengutachten nur mit Zustimmung beider Parteien
- §§ 536a, 559 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB); §§ 91, 92 Zivilprozessordnung (ZPO) — Kostentragung und Kostenteilung; §§ 286, 412 ZPO — freie Beweiswürdigung, neues Gutachten; §§ 379, 402 ZPO — Auslagenvorschuss; § 1 Gerichtskostengesetz (GKG) und Kostenverzeichnis Nr. 9005 — Sachverständigenvergütung als Auslage
- JVEG — Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz, § 9, § 12 und Anlage 1 in der Fassung ab 01.06.2025 (Stundensätze Gerichtssachverständige)
- VDI 3492 — Innenraumluft, Außenluft — Messen anorganischer faserförmiger Partikel — Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren
- TRGS 519 — Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten (BAuA, Fassung 28.02.2025)
- degewo-Fall: negative Raumluftmessung (Freigabemessung) vom 28.03.2019, Prüfbericht Nr. 1121-1762; Materialproben mit Asbestbefund (schriftliche Bestätigung der degewo vom 22.11.2018; Laborbericht BL16143, Januar 2019) — Faktencheck, Behauptung 16: Messung und Proben in sieben Schritten
- Kleine Anfrage Nr. 14/219, Antwort des Senats vom 1. April 2000 — Flex-Platten in den Beständen der städtischen Wohnungsbaugesellschaften, degewo 14.400 Wohnungen
- Drucksache 19/25 368, Berliner Abgeordnetenhaus, Antwort vom 13. März 2026 — Wohnungen mit Asbestbelastung oder Asbestverdacht der landeseigenen Unternehmen, Stand 31.12.2025
- IHK-Sachverständigenverzeichnis (SVV) und Sachgebiet 4420 „Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden“ (Fassung September 2014), abgerufen September 2026; Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) — Akkreditierung von Prüflaboren nach DIN EN ISO/IEC 17025
- Preisspannen: Erfahrungswerte aus öffentlichen Anbieterangaben, keine Berliner Preiserhebung, abgerufen September 2026 — Materialprobe: Obolus Group, Asbestgutachten OWL; Raumluftmessung: Obolus Group, Checknatura; Bauteilprobe vor Ort: Obolus Group, Asbestgutachten OWL. Bandbreiten dienen der Orientierung — verbindliche Preise nur über Einzelangebote.