Parlamentarische Aufklärung
Barbara Oesterheld
Zwischen Oktober 1999 und Oktober 2000 stellte die baupolitische Sprecherin der Grünen zwei Kleine Anfragen und setzte einen Berichtsauftrag durch. Am Ende standen 62.800 Wohnungen in einer Drucksache — und der Satz, dass keine Mieterinformation erfolgt.
Zur Person
Steckbrief
Geboren am 15. September 1951 in Berlin-Kreuzberg. Studium der Soziologie an der Freien Universität, Abschluss 1977 als Diplom-Soziologin.
Vor der Politik arbeitete sie als Erzieherin in einem Kinderladen, als Sozialarbeiterin, als Taxifahrerin, als Programmiererin — und als Mieterberaterin und Sozialplanerin.
1995 gewann sie im Kreuzberger Wahlkreis 2 das erste Direktmandat, das ein grüner Kandidat in einem deutschen Landesparlament errang; sie verteidigte es zweimal. Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin von 1995 bis 2006, baupolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Ab 2001 arbeitete sie im Untersuchungsausschuss zur Bankgesellschaft Berlin mit. 2007 bis 2008 Landesvorsitzende der Berliner Grünen.
Gestorben am 13. Mai 2009 in Berlin.
Quellen — Wikipedia: Barbara Oesterheld; taz-Nachruf v. 15.05.2009; Bündnis 90/Die Grünen Friedrichshain-Kreuzberg
Der Vorgang
Zwölf Monate, sechs Dokumente
Von der ersten Anfrage bis zum Senatsbericht: der Vorgang in neun Stationen.
Quelle — KA 13/5262 (Archivkopie)
Quelle — KA 13/5262, Antwort zu 1, gezeichnet Frank Bielka
Quellen — taz, 14.01.2000 (ADN-Meldung); Tagesspiegel, 18.01.2000; Chronologie, Januar 2000
Quelle — KA 14/219 (Archivkopie)
Quelle — Drs. 14/179 (Archivkopie)
Quelle — Inhaltsprotokoll BauWohnV 14/3, 01.03.2000 (Archivkopie). Ein Inhaltsprotokoll gibt die Beiträge in indirekter Rede zusammengefasst wieder, nicht im Wortlaut.
Quellen — Drs. 14/244 (Archivkopie); Plenarprotokoll 14/7, TOP 11
Quelle — KA 14/219, Antworten zu 2 und zu 3, gezeichnet Frank Bielka; Faktencheck, Behauptung 01
Quelle — Drs. 14/731 (Archivkopie)
Ein Detail
Das gestrichene Wort
Der Antrag verlangte einen vollständigen Bericht. Beschlossen wurde ein Bericht.
Antrag Drs. 14/179 vom 15. Februar 2000:
„Der Senat wird aufgefordert, bis zum 1. Juli 2000 einen vollständigen Bericht vorzulegen, in dem …“
Beschlussempfehlung Drs. 14/244 vom 1. März 2000:
„Der Senat wird aufgefordert, in Fortschreibung des Berichts vom 25. Februar 1998 … bis zum 30. September 2000 einen Bericht vorzulegen, in dem …“
Die Begründung für die Streichung steht im Inhaltsprotokoll derselben Sitzung: Damit der Bericht zügiger vorliege und nicht unnötig lang ausfalle, solle das Wort „vollständig“ gestrichen werden. Eingebracht wurde der Änderungsantrag von den Koalitionsfraktionen; das Protokoll führt die Begründung beim Abgeordneten Gaebler (SPD).
Der Bericht erschien am 10. Oktober 2000, zehn Tage nach der neuen Frist. Er beantwortet die vier Spiegelstriche des Antrags. Die Information der Mieterinnen und Mieter, das Anliegen der Antragsbegründung, kommt darin nicht vor.
Quellen — Drs. 14/179 (Archivkopie); Drs. 14/244 (Archivkopie); Inhaltsprotokoll BauWohnV 14/3 (Archivkopie)
Wortlaut
Die sieben Fragen vom 10. Februar 2000
Kleine Anfrage Nr. 14/219 der Abgeordneten Barbara Oesterheld, „Asbest immer noch ein Geheimthema?“ — ungekürzt.
- Warum wurden bei der Beantwortung der Kleinen Anfrage Nr. 5262 (LPD 7/2000) über Asbest in landeseigenen Wohnungen die asbesthaltigen Flexplatten nicht aufgeführt?
- In wie viele Wohnungen wurden solche Platten eingebaut, wie viele Wohnungen der landeseigenen Wohnungsunternehmen sind davon betroffen?
- Wie wurden in der Vergangenheit Mieterinnen und Mieter über den sachgemäßen Umgang mit diesen Flexplatten informiert?
- Wie sollen Mieterinnen und Mieter sachgemäß mit diesen Platten umgehen, solange sie nicht wissen, dass sich solche Platten in ihren Wohnungen befinden?
- Wie gehen die landeseigenen Wohnungsunternehmen bei Alterungsprozessen (Sprödewerden) dieser Platten bei der Sanierung vor?
- Wie kann in Zukunft vermieden werden, dass diese Platten unsachgemäß im Müllschlucker der entsprechenden Häuser entsorgt werden?
- Wie wird der Senat dafür Sorge tragen, dass mindestens die landeseigenen Wohnungsunternehmen ihre Mieterinnen und Mieter informieren, damit sie sich sachgemäß im Umgang verhalten können und auch auf die vorgeschriebene Entsorgung achten können?
Berlin, den 10. Februar 2000
Was zurückkam
Auf Frage 1 — warum die Platten in der ersten Antwort fehlten — folgt keine Begründung, sondern eine Bewertung:
„Nach exemplarischen Messungen des Umweltamtes Neukölln und eines speziell beauftragten Ingenieurbüros geht von den asbesthaltigen Flex-Platten keine Gefahr aus.“
Auf Frage 3, wie Mieter bisher informiert wurden:
„Da bei bestimmungsgemäßen Umgang mit dem Vermietereigentum keine Gefährdung besteht, erfolgt keine Mieterinformation.“
Auf Frage 4, wie Mieter sachgemäß mit Platten umgehen sollen, von denen sie nichts wissen:
„Die Mieter sind für die ordnungsgemäße Pflege der Platten verantwortlich. … Der Mieter ist nicht berechtigt, Veränderungen oder Eingriffe in das Vermietereigentum vorzunehmen.“
Auf Frage 7, wie der Senat für eine Information der Mieter sorgen werde:
„Das reicht grundsätzlich aus.“
Gezeichnet: Frank Bielka, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, 1. April 2000.
Quelle — Kleine Anfrage Nr. 14/219, Abgeordnetenhaus von Berlin (Archivkopie)
Bedeutung
Was von diesen zwölf Monaten geblieben ist
Die Zahl 62.800 stammt aus keiner Erhebung, keiner Studie und keinem Gutachten. Sie stammt aus einer Nachfrage. Sie ist bis heute die einzige berlinweite Angabe zu asbesthaltigen Fußbodenplatten in landeseigenen Wohnungen aus dieser Zeit — und sie existiert, weil jemand bemerkte, dass sie in einer früheren Antwort fehlte. Die Drucksache selbst ist das Gründungsdokument dieser Recherche.
Dreizehn Jahre später greift das Parlament genau auf dieses Dokument zurück. Andreas Otto (Grüne) fragt im September 2013, ob die „ca. 10.000 Wohnungen, die in der Beantwortung der Kleinen Anfrage 14/219 im Eigentum der Wohnungsbaugesellschaft GSW als asbestbelastet genannt wurden“, inzwischen saniert seien. Die Antwort des Senats: „Dem Senat liegen dazu keine Informationen vor. Die GSW ist seit dem Jahr 2004 keine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft mehr.“
Der Punkt, um den es ihr in der Antragsbegründung ging — die Aufklärung der Bewohnerinnen und Bewohner — steht 2012 erneut in einem Antrag derselben Fraktion. Drs. 17/0293 verlangt einen Bericht, der „im Vergleich zum Bericht vom Oktober 2000 (Drs. 14/731)“ die seither durchgeführten Maßnahmen aufführt, und begründet das so: „Aufgrund der Fluktuation der Mieterschaft sind Informationen über das Vorhandensein und die Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit asbesthaltigen Bauelementen oft verloren gegangen.“
Dazwischen liegt ein Vorgang, der lange übersehen wurde. Am 21. August 2003 fragte Claudia Hämmerling (Grüne) in der Kleinen Anfrage 15/10906 unter dem Titel „Asbest in Mietwohnungen“ nach ausgetauschten Flex-Platten, nach der Information der Mieter über Gesundheitsrisiken und danach, ob Wohnungen mit gebrochenen Platten unsaniert weitervermietet werden. Der Senat nannte rund 14.500 sanierte Wohnungen und antwortete zur Information mit demselben Baustein wie drei Jahre zuvor: eine gezielte Mieterinformation erfolge nicht, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sei „keine gesundheitliche Gefährdung zu erwarten“.
Die Berichtsreihe selbst lief weiter, ohne die Wohnungen. Die Fortschreibung „Asbestsanierungsmaßnahmen V“ vom 17. August 2006 (Drs. 15/5442) behandelt auf sieben Seiten ausschließlich öffentliche Gebäude. Die Wörter Wohnung, Mieter und Flex-Platte kommen darin nicht vor. Der Bericht vom Oktober 2000 blieb der einzige der Reihe, der den Wohnungsbestand erfasste.
Quellen — KA 17/12292 (StS Gothe, 09.10.2013); Drs. 17/0293 (April 2012)
Dokumente
Der Vorgang in sechs Dokumenten
- KA 13/5262 (gestellt 15.10.1999, beantwortet 22.12.1999) — „Gefährdung von Mieterinnen und Mietern durch unsachgemäße Asbestsanierung“. PARDOK · Archivkopie
- KA 14/219 (gestellt 10.02.2000, beantwortet 01.04.2000) — „Asbest immer noch ein Geheimthema?“ PARDOK · Archivkopie
- Drs. 14/179 (15.02.2000) — Antrag „Bestandsanalyse über Asbestgefahren“, Künast/Wieland/Oesterheld. PARDOK · Archivkopie
- Drs. 14/244 (01.03.2000) — Beschlussempfehlung des Ausschusses für Bauen, Wohnen und Verkehr. PARDOK · Archivkopie
- Inhaltsprotokoll BauWohnV 14/3 (01.03.2000) — Beratung des Antrags, verbunden mit der PDS-Besprechung „Asbestbelastete Wohnungen“. PARDOK · Archivkopie
- Drs. 14/731 (10.10.2000) — Mitteilung zur Kenntnisnahme „Bestandsanalyse über Asbestgefahren“, Senator Strieder. PARDOK · Archivkopie
Die Dokumente im Zusammenhang
Alle parlamentarischen Anfragen zum Berliner Asbest-Skandal von 1992 bis heute — und was aus ihnen wurde.