Zahlen & Daten

17.000 Wohnungen — eine Zahl und was sie bedeutet

2000: 14.400. 2019: 15.978. 2024: noch 6.736 übrig. Die Zahlen der degewo-Asbestbelastung sind öffentlich. Sie stehen in parlamentarischen Anfragen. Trotzdem kennt sie fast niemand.

Die erste Zahl

Am 1. April 2000 beantwortet der Berliner Senat eine Kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus. Die Drucksache 14/219 nennt eine Zahl: 14.400 degewo-Wohnungen enthalten asbesthaltige Flex-Platten. Die Antwort trägt den Namen des damaligen Staatssekretärs für Stadtentwicklung — Frank Bielka, SPD. Es ist eine trockene parlamentarische Auskunft: Ja, Asbest ist verbaut. Nein, die Mieter werden nicht informiert.

Drei Jahre später wird Frank Bielka Vorstand der degewo. Die Person, die als Politiker die Entscheidung zur Nicht-Information bestätigte, leitet nun das Unternehmen, das nicht informiert. Er bleibt bis 2014.

Die Zahlen steigen

Im Herbst 2019 beantwortet Staatssekretär Sebastian Scheel drei Schriftliche Anfragen zum Thema Asbest bei der degewo — eine davon, Drucksache 18/21 259, liefert die bekannteste Zahl: 15.978 Mieteinheiten. Fast 2.000 mehr als im Jahr 2000. Die Differenz erklärt sich durch genauere Erfassung — oder durch das Eingeständnis, dass die erste Zahl zu niedrig war. Scheel sitzt zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig im Aufsichtsrat der degewo. Er beantwortet Anfragen über ein Unternehmen, das er selbst kontrollieren soll.

Die Berliner Woche rundet die Zahl auf rund 17.000. Diese Zahl taucht auch in der Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft auf.

Was 17.000 bedeutet

Eine Wohnung ist kein abstrakter Datenpunkt. In einer Wohnung leben Menschen. Durchschnittlich wohnen in Berlin etwa 1,8 Personen pro Haushalt. Bei 17.000 Wohnungen sind das über 30.000 Menschen, die in einer Wohnung leben oder gelebt haben, in der Asbest verbaut ist — und die ganz überwiegend nie darüber informiert wurden.

Allein im Brunnenviertel, Berlin-Mitte, betrifft es rund 2.700 degewo-Wohnungen. Im Bezirk Spandau meldete die Gewobag Ende 2022 über 9.600 belastete Objekte und forderte als erster Bezirk eine Sanierungsoffensive vom Senat. Berlinweit — alle sechs landeseigenen Wohnungsgesellschaften zusammen — meldete die Drucksache 19/23 946 zum Stichtag 31. Dezember 2024 noch 29.153 betroffene Wohnungen. Die GESOBAU verweigert seit Jahren jede Auskunft. Schätzt man ihren Bestand auf Basis der Kleinen Anfrage von 2000 (damals 12.700 Wohnungen), liegt die Gesamtzahl möglicherweise über 44.000.

Die Sanierung

Die degewo saniert — aber nur bei Mieterwechsel. Zieht ein Mieter aus, wird die Wohnung gesperrt, beprobt und gegebenenfalls saniert. Wer bleibt, lebt weiter mit Asbest. Seit Anfang 2013 läuft dieses Verfahren systematisch. Im PwC-geprüften Konzernlagebericht 2017 schrieb die degewo selbst, sie habe Asbest „bereits in mehr als 5.000 Fällen erfolgreich beseitigt" — und nannte es ein „wesentliches Geschäftsrisiko".

Ein wesentliches Geschäftsrisiko — dokumentiert für Wirtschaftsprüfer. Nicht aber für die Menschen in den Wohnungen.

Pro sanierter Wohnung fallen laut Senatsantwort rund 500 Kilogramm asbesthaltiger Abfall an. Bei 17.000 Wohnungen wären das 8.500 Tonnen. Seit 2022 führt die Sanierung eine 100-prozentige degewo-Tochter durch — die degewo Technische Dienste GmbH. Der Verursacher saniert seine eigenen Versäumnisse.

Nicht nur die degewo

Die degewo ist kein Einzelfall. Die Aufschlüsselung nach Gesellschaften zeigt: Die Gewobag meldet 7.758 betroffene Wohnungen. Die HOWOGE 6.678. Stadt und Land 2.869. Die WBM 2.334. Die berlinovo 2.778. Schätzungen der Grünen zufolge könnten in Berlin insgesamt bis zu 500.000 Wohnungen aus der Bauperiode der 1960er bis 1980er Jahre betroffen sein. Bundesweit schätzt das Bundesbauministerium, dass rund ein Viertel aller Gebäude Asbest enthält.

Es gibt in Deutschland kein Asbestkataster. Kein verpflichtendes Register, keine Meldepflicht, keine Datenbank. In Frankreich ist ein Schadstoffausweis für jedes Gebäude Pflicht. In Polen müssen Eigentümer Asbest bei der Gemeinde anmelden — wer es nicht tut, macht sich strafbar. In Deutschland wird seit 2016 darüber geredet. Der Nationale Asbest-Dialog, angestoßen unter den Ministern Heil und Seehofer, blieb nach Einschätzung des Zentralverbands Haus, Wohnungs- und Grundeigentümer „vollkommen ergebnislos".

Die Zahl, die fehlt

In der gesamten Debatte fehlt eine Zahl: Wie viele Mieter haben in den letzten 25 Jahren — zwischen der Kleinen Anfrage im Jahr 2000 und heute — in einer asbestbelasteten Wohnung renoviert, gebohrt, geschliffen, ohne es zu wissen? Wie viele haben den „Bauschutt" entsorgt, wie es die degewo-Vereinbarung vorsah? Diese Zahl kennt niemand. Niemand hat je gezählt.

Die Latenzzeit bei Asbesterkrankungen beträgt 20 bis 40 Jahre. Die Renovierungen der frühen 2000er Jahre fallen damit in den Zeitraum, in dem sich die gesundheitlichen Folgen zeigen könnten. Aber ohne Wissen über die Exposition gibt es keine Vorsorge, keine Früherkennung, keine Zuordnung.

17.000 ist die Zahl, die in den Akten steht. Die Zahl, die fehlt, ist die der Menschen, die nie erfahren haben, was sie eingeatmet haben.

Quellen