Quellenarchiv

Parlamentarische Anfragen zu Asbest in Berlin

37 Anfragen im Berliner Abgeordnetenhaus dokumentieren 30 Jahre politisches Versagen. Alle Anfragen chronologisch — mit Kernantwort, Fragesteller und dem entscheidenden Zitat.

Kernzahlen

37 Dokumente analysiert 1992–2025
20+ Anfragen von Andreas Otto Bündnis 90/Die Grünen, 2012–2019
100% Senatsantworten von SPD Bielka, Gothe, Gaebler, Müller, Scheel

25 Jahre im Kreis — die gleichen Fragen, die gleichen Ausflüchte

Wer die Anfragen chronologisch liest, erkennt ein System: Die Grünen fragen. Der SPD-Senat antwortet. Die Antworten versprechen Prüfung, verweisen auf Zuständigkeiten, behaupten, Mieter seien „informiert worden“ — und ändern nichts. Zwischen der ersten Anfrage (1992) und der jüngsten (2025) liegen über drei Jahrzehnte. Die Antworten klingen, als hätte sich die Textbausteinmaschine nicht weiterentwickelt.

Besonders aufschlussreich: Jede einzelne Senatsantwort zu Asbest in Wohnungen wurde von einem SPD-Staatssekretär oder -Senator unterzeichnet — von Frank Bielka (1999–2000) über Ephraim Gothe und Christian Gaebler (2013) bis Michael Müller und Sebastian Scheel (2019). Die Partei, die den Wohnungsbau in Berlin seit Jahrzehnten dominiert, hat auch die Antworten auf alle Asbest-Anfragen zu verantworten.

Alle Anfragen chronologisch

Datum Kennung Fragesteller Kernantwort / Inhalt Unterzeichner
Nov. 1992 Drs. 12/2212 Opposition Missbilligungsantrag gegen Bausenator Nagel. Asbest-Gutachten in Friedrichshain unter politischem Druck herabgestuft.
Nov. 1992 Plenarprotokoll 12/39 Dr. Köppl (Grüne) Nagel unterzieht Bürger „Dauerbelastungstest mit Asbestfasern“. Nagel leugnet Gutachten-Manipulation. Sen. Nagel
1992 Drs. 12/2533 Opposition 60 Mio. DM Sanierungsantrag. Bausenator habe Sanierungsnotwendigkeit „schuldhaft verzögert“ durch „Fälschung von Asbestgutachten“.
März 1993 Plenarprotokoll 12/45 Abgeordnetenhaus Friedrichshain P-2-Bauten: Nagel sagt Sanierungskonzept zu. Genossenschaft legt Widerspruch ein. Sen. Nagel
Juni 1993 Plenarprotokoll 12/50 Abgeordnetenhaus Bielka erklärt: „Information der Mieter“ ist Pflicht bei 968 Wohnungen. 7 Jahre später entscheidet er das Gegenteil bei 62.800 Wohnungen. StS Bielka
1994/95 Plenarprotokoll 12/82 Abgeordnetenhaus ICC vs. Palast der Republik: Doppelstandards bei Asbestsanierung. Asbest-Schulen-Debatte.
1994 Drs. 12/3798 Abgeordnetenhaus ICC weiter in Betrieb trotz Asbest. Palast der Republik sofort geschlossen.
März 1996 KA 13/267 Sollfrank (CDU) „Asbestlobby oder Sachverständige“ — Neutralität der VAAI (Vereinigung asbestsachverständiger Architekten und Ingenieure). 18 Mitglieder, führt Qualifizierungslehrgänge durch.
1997 KA 13/1682 Müller (SPD) Asbest in LKA-Gebäude. Bis 1.683 Fasern/m³. Strafanzeige erstattet. Kosten: 180.000–200.000 DM. Schönbohm
1998 KA 13/4358 Rzepka (CDU) Umsetzung der Asbest-Richtlinie? Senat: „unverhältnismäßig hoher Aufwand“ für Durchsetzungsdaten. Arndt
1998 KA 13/4480 Demba (Grüne) Alliiertenwohnungen Stewardstraße: PAK/PCB. LAGetSi stoppt Arbeiter ohne Schutzausrüstung.
22.12.1999 KA 13/5262 Oesterheld (Grüne) Flex-Platten fehlen komplett in der Senatsantwort. GESOBAU: „kein Bedarf“. Gottschalk-Weg: Asbestfasern freigesetzt, degewo bestreitet. Analyse → StS Bielka
01.04.2000 KA 14/219 Oesterheld (Grüne) 62.800 Wohnungen berlinweit. degewo: 14.400. Entscheidung: keine Mieterinformation. Analyse → StS Bielka
April 2012 Drs. 17/0293 Otto/Pop/Schmidberger (Grüne) „Asbestgefahr aktuell bewerten und transparent machen.“
Dez. 2012 KA 17/11344 Otto (Grüne) BBU: 48.000 Wohnungen. Geschätzte Kosten: 350 Mio. Euro. GEWOBAG: 14.000 WE. Mieter „teilweise bereits“ informiert. StS Gothe (SPD)
Jan. 2013 Mündl. Anfrage n17-02519 Otto (Grüne) GEWOBAG-Haftung? Müller: „Schadenersatzanspruch wird in Betracht kommen.“ GEWOBAG verliert Berufung bei Vinylasbest. Sen. Müller (SPD)
Feb. 2013 Plenarprotokoll 17/27 Otto (Grüne) Otto fragt nach Sanierungsplan für 60.000 Wohnungen. Müller: „Kann ich spontan nicht beantworten.“ Sen. Müller (SPD)
Feb. 2013 Beschlussprotokoll BauVerk 17/23 Otto (Vorsitz) Anhörung mit BBW, GEWOBAG. Senator Müller anwesend.
Mai 2013 Mündl. Anfrage n17-03212 Otto (Grüne) „Gilt für Asbestsanierung ein rechtsfreier Raum in Berlin?“ Zuständigkeiten: LAGetSi, Bauaufsicht, LKA 336.
27.09.2013 KA 17/12292 Otto (Grüne) GSW-Spur verloren: „Seit 2004 nicht mehr landeseigen.“ ~10.000 Asbestwohnungen in privater Hand — Verbleib unbekannt. StS Gothe (SPD)
Okt. 2013 KA 17/12300 Otto (Grüne) „Senat ohne Strategie.“ Behauptet: „Mieter sind informiert worden.“ LAGetSi widerspricht dem Senat. Faktencheck → StS Gaebler (SPD)
Dez. 2013 KA 17/13021 Otto (Grüne) BBU bestätigt: 48.000 WE. degewo: 887 WE verkauft. Frage nach Käufer-Information: „unverhältnismäßig hoher Aufwand.“ StS Gothe (SPD)
Jan. 2014 Plenarprotokoll 17/42 Grüne (Große Anfrage) „Wie lange bleibt Berlin noch Asbesthauptstadt?“ (Drs. 17/1370). Auf Tagesordnung — vertagt.
Dez. 2014 SA 17/15169 Otto (Grüne) GEWOBAG: 100 Mio. Euro geplant für 2014–2025. Senat: „kein sachliches Handlungserfordernis.“
Aug. 2015 SA 17/16744 Otto (Grüne) degewo: 22.100 WE unter Asbestverdacht (höher als 17.000!). GEWOBAG: 20.000. Stadt und Land: 4.650.
Nov. 2015 SA 17/17461 Otto (Grüne) LKA 336: 104 Strafverfahren (2014) + 70 (2015) mit Asbest als Ermittlungsgrund. Bauaufsicht: ~80 Verdachtsfälle.
Mai 2016 SA 17/18643 Otto (Grüne) degewo kauft seit 2012 2.004 WE mit Asbestverdacht zu. Nur 170 saniert — 8,5%.
Mai 2016 SA 17/18644 Otto (Grüne) Berlinovo: 3.200 betroffene Wohnungen (Fußböden/Kleber). 800 bereits saniert.
Mai 2016 SA 17/18645 Otto (Grüne) GSW-Privatisierung 2004: ~10.000 Asbestwohnungen verkauft. Senat: „liegen keine Informationen dazu vor.“
Juni 2016 SA 17/18713 Otto (Grüne) Weiße Siedlung: LAGetSi findet Verstöße 2016. LKA ermittelt.
Juli 2016 SA 17/18866 Otto (Grüne) Weiße Siedlung: WBM/BEWOGE verkauft 2006 1.677 WE. Asbest im Kaufvertrag. Mieter nie informiert.
Aug. 2016 SA 17/19009 Otto (Grüne) Weiße Siedlung III: Senat „nimmt Asbestthematik sehr ernst“ — hat aber keine Daten zum aktuellen Zustand.
Aug. 2016 SA 17/19034 Otto (Grüne) Asbest nicht im Mietspiegel. „Keine belastbaren Erhebungen“ über Gesamtzahl. Schätzung: >100.000 Wohnungen. StS Lütke Daldrup
23.09.2019 Drs. 18/20 913 Otto (Grüne) „Asbest in Wedding I“ — direkt zu Graunstr. 7. degewo: keine Baudokumentation. 500 kg Asbestabfall/Wohnung. Gerichtsverfahren bestätigt. StS Scheel (SPD)
Okt. 2019 Drs. 18/21 259 Otto (Grüne) „Sanierungsplan Asbest 2030“: 5.286 WE bestätigt. 15.978 unter Verdacht. Kein formaler Sanierungsplan. Schadstoffmanagerin seit 2016. StS Scheel (SPD)
30.10.2019 Drs. 18/21 260 Otto (Grüne) „Asbest in Wedding II“: Alle 151 WE unter Verdacht. 16/45 in Graunstr. 7-8 saniert. Asbestzementrohre in Keller/Schächten. StS Scheel (SPD)
09.10.2025 Drs. 19/23 946 Otto (Grüne) Aktuelle Zahlen: degewo 6.736 WE. Berlinweit 29.153 (ohne GESOBAU). 2024 nur 3.543 saniert. LWU-Zahlen →
Nov. 1992 Drs. 12/2212

Missbilligungsantrag gegen Bausenator Nagel. Asbest-Gutachten in Friedrichshain unter politischem Druck herabgestuft.

Nov. 1992 Plenarprotokoll 12/39

Köppl (Grüne): Nagel unterzieht Bürger „Dauerbelastungstest“. Antwort: Sen. Nagel

1992 Drs. 12/2533

60 Mio. DM Sanierungsantrag für Friedrichshainer Asbestwohnungen.

Juni 1993 Plenarprotokoll 12/50

Bielka erklärt: „Information der Mieter“ ist Pflicht bei 968 Wohnungen. 7 Jahre später entscheidet er das Gegenteil. Antwort: StS Bielka

März 1996 KA 13/267

Sollfrank (CDU): „Asbestlobby oder Sachverständige“ — Neutralität der VAAI.

22.12.1999 KA 13/5262

Oesterheld (Grüne): Flex-Platten fehlen komplett. Gottschalk-Weg: Asbestfasern freigesetzt. Analyse → Antwort: StS Bielka

01.04.2000 KA 14/219

62.800 Wohnungen berlinweit. degewo: 14.400. Entscheidung: keine Mieterinformation. Analyse → Antwort: StS Bielka

April 2012 Drs. 17/0293

Otto/Pop/Schmidberger (Grüne): „Asbestgefahr aktuell bewerten und transparent machen.“

Dez. 2012 KA 17/11344

BBU: 48.000 WE. Kosten: 350 Mio. €. GEWOBAG: 14.000 WE. Mieter „teilweise“ informiert. Antwort: StS Gothe (SPD)

Feb. 2013 Plenarprotokoll 17/27

Otto fragt nach Sanierungsplan. Müller: „Kann ich spontan nicht beantworten.“ Antwort: Sen. Müller (SPD)

27.09.2013 KA 17/12292

GSW-Spur verloren: ~10.000 Asbestwohnungen in privater Hand — Verbleib unbekannt. Antwort: StS Gothe (SPD)

Okt. 2013 KA 17/12300

„Senat ohne Strategie.“ Behauptet: „Mieter sind informiert worden.“ LAGetSi widerspricht. Faktencheck → Antwort: StS Gaebler (SPD)

Dez. 2013 KA 17/13021

BBU: 48.000 WE. degewo: 887 WE verkauft. Käufer-Information: „unverhältnismäßig hoher Aufwand.“ Antwort: StS Gothe (SPD)

Jan. 2014 Plenarprotokoll 17/42

„Wie lange bleibt Berlin noch Asbesthauptstadt?“ Große Anfrage (Drs. 17/1370) — vertagt.

Aug. 2015 SA 17/16744

degewo: 22.100 WE unter Asbestverdacht (höher als 17.000!). GEWOBAG: 20.000. Stadt und Land: 4.650.

Mai 2016 SA 17/18643

degewo kauft 2.004 WE mit Asbestverdacht zu. Nur 170 saniert — 8,5%.

Mai 2016 SA 17/18645

GSW-Privatisierung 2004: ~10.000 Asbestwohnungen verkauft. Senat: „liegen keine Informationen dazu vor.“

Juli 2016 SA 17/18866

Weiße Siedlung: 1.677 WE verkauft. Asbest im Kaufvertrag. Mieter nie informiert.

Aug. 2016 SA 17/19034

Asbest nicht im Mietspiegel. Schätzung: >100.000 Wohnungen. Antwort: StS Lütke Daldrup

Sept. 2019 Drs. 18/20 913

„Asbest in Wedding I“ — direkt zu Graunstr. 7. 500 kg Asbestabfall/Wohnung. Gerichtsverfahren bestätigt. Antwort: StS Scheel (SPD)

Okt. 2019 Drs. 18/21 259

5.286 WE bestätigt. 15.978 unter Verdacht. Kein formaler Sanierungsplan. Antwort: StS Scheel (SPD)

Okt. 2025 Drs. 19/23 946

degewo 6.736 WE. Berlinweit 29.153. 2024 nur 3.543 saniert. LWU-Zahlen →

30 Jahre, 37 Dokumente, null Konsequenzen

In drei Jahrzehnten hat das Berliner Abgeordnetenhaus das Asbestproblem in den landeseigenen Wohnungen lückenlos dokumentiert. Die Zahlen wurden benannt, die Verantwortlichen identifiziert, die Lücken aufgezeigt. Passiert ist: nichts. Kein Sanierungsplan, keine Erkundungspflicht, keine systematische Mieterinformation. Die parlamentarische Aufklärung lief — die Exekutive hat sie ignoriert.

Wenn Sie in einer Berliner Asbestwohnung leben, betreffen diese Dokumente Sie persönlich. Die Informationen, die der Senat über Jahrzehnte im Parlament bekannt gab, wurden Ihnen nie mitgeteilt.

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